Kreativität des Kindes

“Während Erwachsene durch Fantasie unter anderem wunschhafte Gegenbilder
zur alltäglichen Wirklichkeit entwickeln,
benötigen Kinder ihre ihre Fantasie, um sich die komplexen Strukturen
der sie umgebende Realititätnanzueignen, in sie hineinzuwachsen”

 

Generationen von Kindern haben aus Stöckchen und Papier Schiffchen gebaut und sie auf Pfützen und Bächen mit Windantrieb aus dem eigenen Mund und damit der eigenen Puste segeln lassen. Was ist dran neu? Das einzelne Kind, das diese Erfahrung macht, das Schiff baut und es segeln lässt, hat mit Hilfe seiner Kreativität etwas für sich Neues entdeckt und geschaffen. Wie kommt er nur auf die Idee? Der Motor der Kreativität ist die Vorstellungskraft. Die Fantasie. Sie vermag, gedanklich Ideen weiterzuentwickeln. Das Handeln kann der Fantasie folgen und ihre Form verleihen.

 

BEOBACHTUNG UND DOKUMENTATION IN REGGIO PÄDAGOGIK

Anna Narloch-Medek, Klemens Medek

 

Anerekennendes Interesse

Eine Dokumentation soll anhand von schriftlich festgehaltenen Beobachtungen und kommentiertem Bildmaterial vor allem verdeutlichen, womit sich das Kind beschäftigt, wofür es sich besonders interessiert, wie es sich mit Fragen und Problemen auseinandersetzt, die ihm begegnen, welche Kreativität es beim Spielen und Gestalten entfaltet. Nicht Kontrolle und Klassifizierung stehen im Vordergrund sondern fachliches und persönliches Interesse der Erzieherin an dem, was das Kind tut, und daran, wie es das tut.

Die Bedeutung der Perspektive

Die Perspektive der Erzieherin unterscheidet sich von der des Kindes oder der der Eltern. Diese unterschiedlichen Perspektiven gilt es bewusst zu berücksichtigen. Kinder sehen anders als Erwachsene. Nicht nur, weil sie die Welt aus einer geringeren Augenhöhe wahrnehmen. Auch im übertragenen Sinn haben Kinder häufig eine andere Perspektive als Erwachsene. Viele Dinge haben für sie eine andere Bedeutung, schon deshalb, weil vieles, was Erwachsenen altbekannt ist, für sie neu und aufregend ist. Daher besteht eine ständige erzieherische Aufgabe darin, herauszufinden, was für ein Kind bedeutsam ist und was nicht. Die Perspektive der Kinder, die sich aus ihrer Lebenswelt ergibt, zum Ausgangspunkt der pädagogischen Planung zu machen, ist ein Eckpfeiler der Reggio-Pädagogik.

Teams sehen mehr als Einzelne

Der Beitrag der Kollegin stellt meistens nicht die eigene Beobachtung in Frage, sondern macht auf zusätzliche Aspekte aufmerksam und differenziert so das Gesamtbild. Auch die Auswertung von Beobachtungen ist ebenso dann besonders ergiebig, wenn sie im Team durchgeführt wird.

Beobachten als Alltegsroutine

Mittels eines Logbuches können Wahrnehmungen und Eindrücke des pädagogischen Alltages gesammelt, geordnet und geprüft werden. Niedergeschrieben
wird täglich das, was vorn Tagesverlauf in Erinnerung geblieben ist. Dies können kleine Alltagssituationen, besondere Ereignisse oder auch persönliche An- merkungen sein. Mehr als fünf Minuten sollten die Aufzeichnungen nicht in Anspruch nehmen! Diese zeitliche Begrenzung ist wichtig, denn sie hält den Arbeitsaufwand in zumutbarem Rahmen, sie zwingt zu einer gewissen Spontaneität der Auswahl, und sie unterstützt eine Form der Niederschrift, die eher beschreibt als bewertet. Durch das schriftliche Festhalten werden Beobachtungen besser mitteilbar und auch präziser.

Portfolios

Im Sinne einer Sammlung wertvoller Arbeiten, die eigene Kompetenzen und Entwicklungen aufzeigen, wurde der Portfoliobegriff im Bildungsbereich über- nommen. Im pädagogischen Sinn versteht man unter Portfolio eine zielgerichtete Sammlung von „Dokumenten“ (z. B. Werke von Kindern, Fotos, Beobachtungen). Die Idee des pädagogischen Portfolios ist, diese Mappen nicht nur für Sammlungen zu nutzen, sondern zugleich auch gemeinsam mit dem Kind über das Gesammelte und die dabei gemachten Lernerfahrungen zu reflektieren. Das Portfolio wird von allen am Prozess beteiligten Personen gestaltet (Kind, päda- gogisches Fachpersonal, Familie), ist aber grundsätzlich das Eigentum des Kindes. Eine zentrale Funktion des Portfolios ist es, den Blick auf die Kompetenzen und Stärken des Kindes zu lenken. Der Dialog ist ein zentrales Element der Portfolioarbeit. Bei der Auswahl und Gestaltung der Portfoliobeiträge und beim ge- meinsamen Betrachten der Portfoliomappen ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, mit Kindern ins Gespräch zu kommen. Darüberhinaus ist das Portfolio in besonderem Maße Informationen über die interne Bildungsarbeit mit Eltern und anderen Bildungspartnern auszutauschen.

WENN KINDER SELBER DIE WELT ERKUNDEN

Anna Narloch-Medek, Klemens Medek

Erfahrungslernen bedeutet sich Wissen durch die selbsttätige Erforschung der Welt anzueignen. Der Vorteil dieser Art zu Lernen besteht darin, dass das Erlernte unmittelbare Bedeutung für das eigene Handeln hat. Dadurch steigt sowohl die Lernmotivation als auch die Qualität des Lernens. Die Voraussetzung dafür, dass Kinder selbsttätig Lernen ist aber die Anerkennung und Achtung ihres Rechtes auf Verwirklichung als vollwertiges Individuum. Reggio-Pädagogik bietet den Kindern die Möglichkeit ihre individuellen Fähigkeiten optimal zu entwickeln. Die Ideen und Grundsätze dieser Erziehungsphilosophie entwickelten sich nach dem Krieg in der norditalienischen Stadt Reggio-Emilia und wurden entscheidend von Loris Malaguzzi, dem Leiter der städtischen Kindergärten, geprägt.

Das Herzstück der Reggio-Pädagogik

Das Herzstück der Reggio-Pädagogik ist die Projektarbeit. Die Kinder diskutieren ihre Erlebnisse und entwickeln eine gemeinsame Arbeit aus ihren Ideen. Kennzeichnend für die praktische Arbeit ist eine große Vielfalt von künstlerischen Ausdrucksmitteln verbunden mit einem durchdachten Angebot an hochwertigen und anregenden Materialien u.a.: Ton, Papier, Natur- und Recyclingmaterialien, Licht, Schatten, Farben und Klänge. Reggio-Pädagogik möchte Kinder dafür sensibilisieren die Geheimnisse und den Zauber ihrer alltäglichen Umwelt zu entdecken. Für Kinder ist dabei vor allem die dingliche Umwelt und das soziale Umfeld relevant. In der Reggio-Pädagogik werden die Lerninhalte aus der unmittelbaren Erlebniswelt der Kinder gewonnen.

Neben den sinnlich-formalen Aspekten eines Gegenstandes spielen dabei auch bewusst emotionale Qualitäten eine wichtige Rolle. Dadurch bekommen die Kinder einen persönlichen Bezug zu den Lerninhalten, und das Wissen hat einen direkten Einfluss auf ihr Handeln.

Lass die Kleinen die Welt entdecken

Loris Malaguzzi betonte auch die Wichtigkeit der ästhetischen Bildung und der Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten. Ästhetische Erfahrungen werden im Wechselspiel von Sinneserfahrung, Phantasie und Vorstellung gemacht. Reggio Pädagogik geht aber noch einen Schritt weiter, indem die Kinder ihre Eindrücke verarbeiten und durch Gestaltung und Darstellung Ausdruck verleihen. Gestaltung und Darstellung sind wichtige Elemente in der Auseinandersetzung mit der Welt, weil sie zu weiteren Denkprozessen anregen. Kinder verfügen von Natur aus über eine große Vielfalt an Ausdrucksmitteln, die sich gegenseitig bereichern. Für das Erfahrungslernen sind alle Ausdrucksmittel von Bedeutung, denn nur so kann ein Gegenstand in allen seinen Facetten erkundet werden und nur so kann jedes Kind seinen individuellen Zugang zum Lernen finden.

 

INSPIRATION REGGIO

Anna Narloch-Medek, Klemens Medek

 

Reggio-Pädagogik dafür stehen heute ca. 35 kommunale Krippen und Kindergärten in der Norditalienischen Stadt Reggio Emilia. Reggio-Pädagogik ist eine “Pädagogik des Werdens”, die sich in permanenter Interaktion zwischen Erwachsenen, Kindern und deren sozialer und gegenständlicher Um- und Mitwelt entwickelt. Reggio ist keine Erziehungstheorie, sondern eine Erziehungsphilosophie mit einer eigenen, inzwischen mehr als 60-jährigen Geschichte. Auffällig an der Rezeption der Reggio-Pädagogik, sowohl in verschiedenen Publikationen als auch in der Praxis, ist, dass oftmals die Gestaltung der Räumlichkeiten und die künstlerischen Angebote sowie die ästhetischen Produkte der Kinder als zentrales Merkmal in den Mittelpunkt gerückt werden.

EINE PÄDAGOGIK MIT KREATIVITÄTS- UND KULTURSCHWERPUNKT

Haltung der PädagogInnen

Freude und Engagement sind für Malaguzzi die wesentlichen Haltungen für die pädagogische Arbeit. Um ihr Vorhandensein sicherzustellen, ist es notwendig, dass sich die Erzieherinnen bei ihrer Arbeit wohlfühlen. Dies wiederum mag von vielen und zudem subjektiv unterschiedlich wirksamen Faktoren abhängen. Ein entscheidender Grund ist aber sicherlich die Identifikation mit der Tätigkeit. Die Erzieherinnen in Reggio identifizieren sich mit ihrer Arbeit, weil sie in ihr einen Sinn sehen, aber auch weis sie pädagogische Erfolge und Anerkennung erleben und ihre Arbeit theoretisch weiter entwickeln. Sie sind keine Vollzugsbeamten, die ein vorgegebenes pädagogisches Konzept in die Praxis umsetzen, sondern sie sind selbst Mitbegründer dieses Konzeptes.

Anteilnahme, Toleranz, Optimismus, Zuneigung sowie Unbeirrbarkeit und Echtheit der Hingabe sind ebenfalls wichtige Voraussetzungen für ein erzieherisches Klima, das den Kindern die notwendige Sicherheit gibt, um zu forschen, Risiken einzugehen, Fehler in Kauf zu nehmen und eine eigene Identität zu entwickeln.

ÄSTHETISCHE BILDUNG: EIN BESONDERER WEG DER WELTANEIGNUNG

Das Atelier, Kunsterzieher als feste Bestandteile des Teams, einen ansprechende Gestaltung der Räume, gelungene Bilder und Plastiken von Kindern, die jeden Erwachsenen in Erstaunen versetzen, die besondere Bedeutung der Wahrnehmungsförderung, die reichhaltige Materialauswahl – all dies sind für viele Erzieherinnen hervorstechende Merkmale der Reggio-Pädagogik. Tatsächlich hat es für viele den Anschein, als ob die Kindertagesstätten in Reggio Kunstschulen seien, die aus den Kindern Künstlerinnen und Künstler machen möchten. Dies ist jedoch nicht der Fall.

• die Sprache wird den Kindern fast nur noch über Imitationsmechanismen vermittelt. Eine Anbindung an die Erfahrung fehlt fast vollkommen.
• Die Kindererziehung erfolgt fast ausschließlich verbal.
• Der Mensch besitzt eine Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten
• Jede Ausdrucksform hat den Anspruch, sich in vollendeter Weise zu verwirklichen.
• Die einzelnen Ausdrucksformen stehen in Wechselwirkung zueinander. Sie bereichern sich gegenseitig

Was für Rumpf ein spielerisches Hin und Her zwischen Person und Gegenstand ist, bezeichnen die Reggianer als Flirt mit dem Gegenstand. Diese Art der Aneignung bezieht bewusst auch die Gefühle mit ein. Ein solcher Zugang wird of tals ästhetisch bezeichnet. Ästhetik wird in diesem Zusammenhang verstanden als eine Theorie der sinnlichen Erkenntnis und nicht als eine Theorie des Schönen. Dazu gehört die Offenheit der Sinne, die Freiheit von Zwecken, die Bereitschaft, sich auch gefühlsmäßig ansprechen zu lassen, Irritationen auszuhalten oder gar zu suchen, den Gegenstand nicht nur anzuschauen, sondern ihn intensiv zu betrachten, sich dem Gegenstand hinzugeben und ihn letztlich zum Sprechen zu bringen, um möglichst vieflfältige und reichhaltige Eindrücke zu sammeln. In der Reggio-Pädagogik spielen aber nicht nur die Wahrnehmung, Phantasie und Vorstellung eine wichtige Rolle, sondern auch Gestaltung und Darstellung sind wichtige Elemente in der Auseinandersetzung mit der Welt, weil sie zu weiteren Denkprozessen anregen. Dem Eindruck Ausdruck zu verleihen, ist ein wichtiges Prinzip der pädagogischen Arbeit.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ästhetische Bildung im Sinne der Reggio-Pädagogik weniger als Bildung zur Ästhetik im Sinne des Schönen und Erhabenen, sondern als Bildung durch ästhetische Prozesse verstanden wird. Die Schönheit der Bilder und Plastiken ist Nebenprodukt, und nicht Ziel der pädagogischen Arbeit, wesentlich ist der Prozess der Erstellung des Produktes. Diese ästhetische Form der Aneignung der Welt, die in der Reggio-Pädagogik die Wahrnehmung, die Phantasie und Vorstellungstätigkeit, das Denken und die Gestaltung umfasst, ist der Kern des reggianischen Bildungsbegriffes. Kinder bei dieser Form der Weltaneignung zu begleiten, ist eine sehr anspruchsvolle und schwierige Aufgabe. Dies kompetent zu tun, erfordert mehr als die Kenntnis spezieller Spiele zur Wahrnehmungsförderung oder bestimmter kreativer Techniken. Es erfordert, sich selbst als Erzieherin der Welt ganz neu zuzuwenden, die eigenen Denkweisen und Haltungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern.